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In dieser Ausgabe von LiteraVideo: Antonia Baum über Vollkommen leblos, bestenfalls tot. Antonio Muñoz Molina spricht über Die Nacht der Erinnerungen.

Richard Wagner, Belüge mich

Antonia Baum

Vollkommen leblos, bestenfalls tot

Roman
Verlag Hoffmann & Campe

Gleich zu Beginn erklärt die junge Frau, die uns hier ihr verkorkstes, aus dem Gleis geratendes Leben erzählt, ihre Eltern zu Uneltern, deren gegenseitiger Hass ihr unerträglich ist. Was die Eltern ihr vorgelebt haben, empfindet sie als Lebenslüge, unter der nichts heil geblieben ist. Sie will bloß weg ins Leben und verlässt mit Schulende ihr provinzielles Dorf – aber auch in der Stadt trifft sie wieder auf Menschen, die nicht viel besser sind als die zuhause. Was eine Befreiung hätte werden können, endet als eine Art vernebelter Rausch in der Kreativ-Szene, der Unterwelt einer urbanen Boheme. Die neuen Freunde sind bloß attraktiver als die Eltern, sie sind vielleicht chic oder cool, aber sie genügen dieser Stimme nicht, die in Antonia Baums erstem Roman vom Leder zieht. Vielmehr lebt diese junge Frauen-Figur in ihrer Phantasie grobe Aggressionen aus und kapselt sich weiter ab von allen, die sich ihr zuwenden. Nichts hat Bestand vor ihr, alles ist Lug. Barocke Moral? Pose? Verzweiflung?

Wir lesen, wir hören gewissermaßen eine junge Frau, die mehr oder minder alles zunichte macht, am Ende sich selbst. Wie nihilistisch ist das?

 

Der Text ist geschrieben im Ton eines Wutanfalls, eines zornigen Ausrufs, dessen Faszination vor allem in seiner Intensität und seiner Wortgewalt besteht. Es ist eine Tirade gegen das konventionelle Funktionieren der Gesellschaft, gegen Regeln, die nicht mehr überprüft werden, gegen Verhältnisse, für die keiner mehr kann. Dabei analysiert sie nicht, was sie für falsch oder kaputt hält und führt auch nicht irgendwelche Beweise oder Gründe ins Feld – sie buchstabiert gewissermaßen bloß nach, was ihr als wertvoll vorgehalten oder vorgemacht wird, um es damit als absurd bloßzustellen. Nicht Argumente, sondern ätzende Nachahmung ist ihre Angriffsform.

Haben Sie sich für dies Buch, für diesen Wutschrei einer jungen Frau erst in eine besonders gereizte Stimmung gesteigert, um diesen intensiven Ton zu treffen?

 

Sich selbst nimmt diese Stimme keineswegs aus von dieser grundsätzlichen Ablehnung von allem und jedem. Da könnte sie bei einem Freund etwas Geborgenheit, etwas Wärme gefunden haben, aber auch das hinterfragt sie, bis nichts mehr übrig bleibt.

Manche Stich- und Schlüsselworte sind in Anführungszeichen gesetzt – „verliebt“, „Sex“, „zum ersten Mal“ – ist das Misstrauen?

 

Wer Bücher unbedingt einordnen will, könnte Antonia Baums Roman als einen existentialistischen Aufschrei deuten, als ein Echo Thomas Bernhards, wenn wir es hier nicht mit einer vollkommen aktuellen Sprache zu tun hätten. Das ist im Tonfall von heute verfasst, so dass der Vergleich nicht passt. Trotzdem betont Antonia Baum, wie gern sie Thomas Bernhard lese. Das kann sie tun, weil ihr Buch eine ganz andere, heutige Wucht hat, die ein nachempfundener Ton nicht entfalten könnte.

 

Wie lange braucht man, um sich in solch eine Haltung hineinzuversetzen? Ging das leicht vonstatten?

 

Nach dem Lesen dieses Buchs rechnet man eher mit einem generell ablehnenden, sperrigen und unfreundlichen Menschen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Zumindest scheint es so.

Wie fern oder nah ist Ihnen diese Stimme oder Figur?

 

ISBN:

978-3-455-40296-4

http://www.hoffmann-und-campe.de/go/vollkommen-leblos-bstenfalls-tot
Richard Wagner, Belüge mich

Antonio Muñoz Molina

Die Nacht der Erinnerungen

Roman
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
DVA

„Die Nacht der Erinnerungen“ ist der deutsche Titel für Antonio Muñoz Molinas großen Roman, der wörtlich übersetzt „die Nacht der Zeiten“ hieße und damit auch die Dunkelheit des Vergessens meint, das Verschwinden der Ereignisse im Dunkel der Zeiten. Dabei tritt das Historische zurück hinter die Liebesgeschichte, die er uns erzählt und die sich so oder ähnlich zugetragen haben könnte in der Zeit des spanischen Bürgerkriegs.

Was ist es denn mehr – eine Lovestory oder ein historischer Roman?

 

Im Mittelpunkt steht Ignacio Abel, ein junger erfolgreicher Architekt, der beim Aufbau der neuen Universitätsstadt von Madrid mitwirkt. Er ist inspiriert von den Ideen des Bauhaus, an dem er eine Zeit lang hat studieren dürfen.
Ignacio hat bei einem Vortrag, den er über sein Fach gehalten hat, im Publikum eine Amerikanerin entdeckt. Beide verlieben sich, und Ignacio empfindet die Bindung an seine Frau Adela und an die beiden kleinen Kinder als Belastung, als Ablenkung von der – so empfindet er es – wahren Liebe zu Judith, die nur ein Zufall nach Spanien geführt hat. Ihre Eltern sind russische Emigranten in New York, sie sieht und erlebt die Welt ganz anders als Ignacio, der in ihr etwas zu entdecken glaubt, was ihm bis dahin unbekannt war. Auch Antonio Muñoz Molina ist fasziniert von Frauen wie Judith. Das sei ein bestimmter Typ von Frauen, zumeist Amerikanerinnen, die nach Spanien kamen, um in den Internationalen Brigaden gegen Franco zu kämpfen. Oft seien es Einwanderer der zweiten Generation gewesen, die also wussten, worum es ging, wenn Demokratie oder Rechtsstaat auf dem Spiel standen.
Dass Ignacio dabei von der Revolte der rechten Falangisten und dem aufkommenden Bürgerkrieg zunächst wenig mitbekommt, ist bezeichnend für die Intensität, mit der er sich für seine eigenen Belange interessiert.

Was ist das für ein Mann, Ignacio Abel?

 

Als Judith wieder in die USA reist, nimmt Ignacio einen Lehrauftrag an einer Provinz-Uni nördlich von New York an, um ihr zu folgen. Er verlässt seine Familie. Das ist der Moment, in dem der Roman einsetzt.
Die unausgesprochenen Wünsche, die Unsicherheit und das Zögern seines Helden verwebt Antonio Muñoz Molina eng mit der historischen Realität, und zwar so, dass uns außer der erzählten Geschichte der musikalisch rhythmisierte Erzählfluss selbst mitzieht. Nicht wie es ausgeht, wollen wir lesend erleben, sondern wie es weitergeht. Dass Ignacio sich schämt und doch wieder nicht schämt für seine Feigheit, für seinen Verrat an Frau und Kindern, ist das eine. Aber wie er das tut, das ist fesselnd..

Was uns erzählt wird, ist im Moment der Romanhandlung bereits geschehen und wird erinnert.

 

Es ist da noch mehr, was uns den Autor Muñoz Molina beim Lesen seines Romans gegenwärtig macht: Sein Erzähler wirft immer wieder einen Nebensatz ein, eine Vermutung, eine Idee zum Arrangement, mit dem er seine Romanhandlung voranbringt oder auf einen Umweg leitet. Muñoz Molina hat diese Stimme eingefügt, als wäre da noch ein weiterer Mensch im Bild, der den Betrachter ansieht und ihm zu verstehen gibt: Hier bin ich, und das hier ist eine Fiktion.

Was sind das für Hinweise auf den Erzähler? Schaffen die nicht auch Distanz zur Geschichte des Romans?

 

Muñoz Molina sieht in den 1930er Jahren den ästhetischen, politischen und kulturellen Anfang unserer eigenen Zeit. Darum hat er für die Arbeit an diesem Roman die Zeitungen und Tagebücher jener Zeit gelesen, Erinnerungsbücher dagegen nur mit Vorbehalt, denn wer seine Memoiren schreibt, weiß ja, was dann noch kommen wird, und erzählt darauf hin. Muñoz Molina lässt historische Personen wie Juan Negrín, den letzten Ministerpräsidenten der demokratischen Republik Spanien, auf fiktive Figuren wie jenen Professor Rossmann stoßen, einen früheren Lehrer Ignacios am Bauhaus. Rossmann ist für Muñoz Molina eine geradezu symbolische Gestalt, der Intellektuelle auf der Flucht, wie es ihn zu Zeiten der totalitären Regimes der 30er Jahre gegeben hat. Ignacio und Rossmann treffen sich in Madrid, Rossmann braucht Hilfe, er hat bereits durchgemacht, was auf viele Spanier erst zukommen wird. Darum versteht niemand so recht, was er zu sagen hat. Niemand hört hin, wenn er seine Erlebnisse in Hitlerdeutschland und in Stalins Russland erzählen will, wo Unterdrückung und Diktatur die Bürger das Fürchten lehren.

Was hat Sie an diesem Thema so interessiert?

 

ISBN: 978-3-421-04499-0
http://www.randomhouse.de/Buch/Die-Nacht-der-Erinnerungen-Roman/Antonio-Munoz-Molina/e347734.rhd