LiteraVideo ist für das Lesen – warum wohl?


Gitarrenmusik und Klaviermusik in Müchen

www.siegelconcerts.de

Kammermusik im Chiemgau – ein Festival im Sommer

www.festivo.de


Neue Postkarten von der Horsecouch

www.horsecouch.de

Per Olov Enquist, Ein anderes Leben

Per Olov Enquist

Ein anderes Leben

Carl Hanser Verlag

Schon in dem Roman, der bei uns so großen Erfolg gehabt hat, Der Besuch des Leibarztes, ist es dieser besondere, kreisende, quasi tastende Tonfall, der eine gewisse Unsicherheit, auch Unbestimmtheit in sich trägt, und der bei einem historischen Roman als Folge des zeitlichen Abstandes aufgefasst werden kann. In Lewis Reise geht es um die gewaltige Glaubensbewegung der „Pfingstler“, die in Schweden in der Arbeiterschaft wirkte, und die auch die Mutter des Autors, oder zumindest des Erzählers in dem Buch, erfasst hatte.

In diesem Buch, dessen Titel an Derek Walcotts großes karibisches Epos Another Life erinnert, erzählt Enquist von sich selbst, von seiner gläubigen und strikten Mutter, der Kindheit ohne Vater, der ihm aber immer wieder präsent wird in seinem Empfindungen, wie er sich, als Sohn der Dorflehrerin, durch Gymnasium und Studium weit aus der Welt seiner Familie hinausbewegt, ähnlich seinem Onkel, der einmal einen besonderen Fuchs in Stockholm ausgestellt hatte, was eine halbe Weltreise gewesen war.

Immer scheint Ihr Vater präsent zu sein – an was für Momenten haben Sie ihn vergessen?

Enquist beschreibt sich als einen lieben Jungen, der Probleme damit hat, nur lieb zu sein. Als Kind erfindet er sich Sünden, die er seiner Mutter beichten kann, oder bringt als ständiger Überläufer bei Schneeballgefechten in der Schule die Schlachtordnung durcheinander, als erwachsener Autor verursacht er, in scheinbar vollkommener Harmlosigkeit, wirksame Skandale, zum Beispiel mit seinen Büchern über die an Stalin ausgelieferten Litauer oder die Verquickung von Sport und Macht, schließlich die Zeit seiner Alkoholabhängigkeit. Den Schluss des Buchs bildet seine Überwindung des Alkoholismus, vor dem die Mutter auch schon in „Lewis Reise“ so eindringlich warnt. Er befreit sich davon aus eigener Kraft, durch das Schreiben.

Würden Sie, nach diesem Buch, einen bedeutenden Aspekt Ihres Lebens als einen Kampf gegen das „zu lieb sein“ bezeichnen?

 Weil sein älterer Bruder gestorben war, und weil es in der Wochenstation eine Säuglingsverwechslung gegeben hatte, plagt sich der Junge mit Identitätsfragen und überlegt auch später immer wieder, was ihn unterscheidet von anderen, was ihn so „anderst“ macht. So ist dies Buch nicht nur die Lebensgeschichte des Autors Enquist, sondern auch die Geschichte eines ewigen Zweifels. Immer wieder kommt die Frage nach der Identität auf, und daraus entwickelt sich der Gedanke „anderst“ zu sein.

Was heißt es für Sie „anderst“ zu sein, dieses Wort, das im Text so schwedisch klingt?

Was aber dies Buch so faszinierend macht, ist dieses Suchen, dieses unsichere, immer wieder neu ansetzende, wie Farbtupfer emotional insistierende Wiederholen, das diese gesamte Lebensbeschreibung zu etwas Zerbrechlichem macht, und das uns immer mehr in Bann schlägt, so dass wir selbst anhand der Fragen und Unsicherheiten des Autors anfangen, unser eigenes Leben in Augenschein zu nehmen, und das macht dies Buch so bereichernd.

 

Und noch etwas: Früher war Enquist Hochspringer von europäischem Format. Nach der Aufzeichnung seiner Antworten erzählte er uns, dass er sonst immer gefragt werde, wie hoch er denn früher gesprungen sei. „Wie hoch denn?“ – „1 Meter 97“ – „Und wie groß sind Sie?“ – „1 Meter 96.“

 

Welches Leben möchten Sie denn?

ISBN 3-446-23270-2

http://www.hanser-verlag.de/buch.asp?isbn=978-3-446-23270-9&area=Literatur

 

Sansal, Das Dorf des Deutschen

Boualem Sansal

Das Dorf des Deutschen

Merlin

 

Zwei in Frankreich aufgewachsene junge Algerier erfahren, dass ihr Vater, ein in Algerien naturalisierter Deutscher, und ihre Mutter in ihrem Heimatdorf  zusammen mit einer Anzahl anderer Dorfbewohner umgebracht worden sind – es ist die Zeit des algerischen Bürgerkriegs der 90er Jahre, als Islamisten, oder angeblich Islamisten, unter der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken verbreiteten.

Der ältere der beiden Brüder entdeckt, dass ihr Vater, der sich im algerischen Unabhängigkeitskrieg verdient gemacht hat, dann als Hassan Hans Schiller die schöne Tochter des Dorfscheichs geheiratet hat und nach dessen Tod selbst zum weithin angesehenen Scheich geworden ist – dass also ihr Vater früher als Mitglied der Waffen-SS in Buchenwald, Dachau, Lublin-Majdanek tätig war.

In Frankreich hat dieser neue Roman von Boualem Sansal zu Beginn dieses Jahres eine heftige Debatte ausgelöst. "Le Village de l'Allemand – Das Dorf des Deutschen“ verbindet die Themen der Schoah, der Pariser Vorstadtrealität und der algerischen Zeitgeschichte. SS-Leute, Kriegsverbrecher, die in arabischen Ländern untergetaucht sind. Damit rührt Sansal an einen Punkt, an dem man in Deutschland sensibel ist.

Wundert Sie, dass in Deutschland noch mal ein ganz anderes Interesse an Ihrem Roman besteht?

Sansal baut seinen Roman auf die Ergebnisse von jahrelang geführten Recherchen, die ihren Anfang nahmen, als er zufällig in ein Dorf kam, wo es irgendwie anders war – ein Deutscher hatte dort das Heft in die Hand genommen „und sein eigenes kleines Drittes Reich errichtet“, wie Sansal es erzählt.

So, wie der ältere Bruder nicht zurechtkommt mit seiner Erkenntnis, einen Kriegsverbrecher zum Vater zu haben, und auf all den Fragen sitzen bleibt, die er gerne stellen würde, erinnert er an eine ganze Generation von Deutschen, die erst zu spät angefangen haben, die Eltern zu befragen.

Der jüngere der beiden Brüder geht damit anders um. Er will davon reden, er fühlt einen Drang, es der Welt zu erzählen und  ist zugleich  skeptisch, ob das was nützen wird. Weil er so unintellektuell und unmethodisch ist, hat er einen irgendwie amüsant zögerlichen Umgang mit den nachgelassenen Dokumenten seines Vaters und dem verzweifelten Tagebuch seines Bruders. Er schlägt sich nicht mehr mit den Verbrechen der 30er/40er Jahre, nicht mehr mit den antikolonialistischen und postkolonialistischen Theorien herum. Er ist gewissermaßen postmodern angelegt mit einer Haltung, wo Kultur, Freiheit, Rechte irgendwie marginal geworden sind.

Sansal erzählt nicht schnurgerade, sondern durch die Tagebücher, die die beiden Brüder jeweils geführt haben und die nun mit Hilfe einer Lehrerin zu einem Buch zusammengefügt sind. Eine Form der Manuskriptfiktion, mit der der Autor einen gewissen Abstand zu seinem Stoff oder zu dessen Art von Darstellung nimmt. Vielleicht  eine Schutzmaßnahme. Denn Sansal ist für seine zeitkritisch angelegten Romane schon bedroht worden, und auch hier hält er nicht zurück damit.

Sein jugendlicher Held aus der Pariser Banlieue registriert genau, was um ihn herum vor sich geht, z. B. wie der Einfluss der Islamisten in Frankreich zunimmt und damit der Missbrauch der Religion für politische Zwecke und Macht-Gier. Er erkennt sogar einen beinahe geschlossenen historischen Bogen zwischen NS-Regime und Islamisten und vermutet dass die Islamisten sogar die Nazis noch übertreffen werden, sobald sie mal die Möglichkeiten dazu haben.

Das Buch, das nun aus den Tagebüchern entstanden ist, könnte aufgefasst werden als ein erster Schritt einer Diskussion.

Ist dieser Roman gedacht als Eröffnung eines Dialogs?

 

Wir gratulieren Boualem Sansal zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2011!

ISBN 3-87536-270-5

http://www.merlin-verlag.de/neu.htm