Ein Buch, das gute Laune macht, verspielt, voller Überraschungen, sprachlich witzig, geschrieben auf deutsch, mit der Verve lateinamerikanischer Autoren – die Autorin stammt aus Argentinien. Eine junge Frau, Mariana, die sich mal eigenbrötlerisch „Mariana-Zeitverwalterin“ nennt, die ein bisschen verträumt, ein bisschen weltfremd durch ihr Leben tändelt, lebt unter der Obhut einer etwas altmodischen Mutter im Haus ihres früh verstorbenen Vaters (ein bisschen melodramatisch ist es auch) und arbeitet in der Schneiderei ihrer Tante.
Was für eine Frau ist Mariana?
Mariana ist eine romantische Heldin
Als eine Kundin ein Hochzeitskleid aus einem Kleid ihrer Mutter genäht bekommen möchte, entdeckt Mariana, dass mit ihrem eigenen Verehrer irgendetwas nicht richtig ist, und dass das mit der jungen Braut zu tun hat. Heiratsschwindel? Betrug? Echte Liebe für den falschen Mann? Barbetta schafft es, uns bis zum Ende in einer irgendwie heiteren Unklarheit zu lassen, was eigentlich los ist in ihrem Roman. Mit seinen als „Schnittmuster“ eingefügten bunten Bildern, mit seiner Handlung, die eigentlich gar keine ist, und mit dem bewusst befremdenden Ende ist „Änderungsschneiderei Los Milagros“ etwas Besonderes unter den Neuerscheinungen des Herbstes 2008. Seine formale Verspieltheit und sein doppeldeutiges Ende erinnern an Julio Cortázars Rayuela (1974) , die verträumte Vergegenwärtigung einer besonderen Kindheit ruft Lesergefühle wach, die wir von Alfredo Bryce Echeniques Un mundo para Julius (1970) kennen, mit Jesús Díaz’ Las iniciales de la tierra (1987) verbindet die Intensität des Erzählens von der Jugend – das Buch erinnert also an Meisterwerke der lateinamerikanischen Literatur, an unsere eigenen früheren Lesefreuden und bringt uns damit auch ins Bewusstsein, dass wir es hier mit einem Buch zu tun haben, das mit unserer Gegenwart und zugleich mit einer vergangenen Zeit korrespondiert.
Julio Cortázar und das Geheimnis um Mariana Nalo
Wir freuen uns, dass Maria Cecilia Barbetta den Chamisso-Preis erhalten hat für ihren Romanerstling und warten auf das nächste Buch von ihr!
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Ludwigshöhe
Drei Geschwister haben ein großes Erbe in Aussicht, müssen aber dafür, als Bedingung, eine Art Hospiz für Lebensmüde einrichten. Im Süden von München, auf der „Ludwigshöhe“, gründen sie diese Institution. Die ersten Sterbewilligen treffen ein, und die drei Geschwister träumen schon von sagenhaften Besitztümern. Aber dann kommt es doch anders: Die Lebensmüden leben auf. Freundschaften geben neuen Sinn, gegenseitige Hilfe schafft Solidarität. Ein als „Henkersmahlzeit“ geplantes opulentes Diner bringt eine endgültige Wende.
Was war bei den Einfällen wichtiger, Zeitkritik oder Tragikomik?
Das Zusammentreffen unterschiedlicher Menschen, die Erbschaft mit Auflage – das ist eine erkennbare Versuchsanordnung, deren Subtilität in der Anlage der Charaktere besteht: Es versammelt sich in dem etwas heruntergekommenen, einst herrschaftlichen Haus eine Reihe von Lebensmüden aus allen möglichen Milieus. Der Tod ist nach wie vor ein Thema, das schnell mit heiklen Tabus besetzt wird, die ihrerseits die klassischen Reflexe der Situationskomik heraufbeschwören. Auf der Ludwigshöhe prallen nicht nur Personen mit gegensätzlichem Habitus aufeinander, sie wollen ihr Leben beenden und befinden sich darum alle am Rand einer existenziellen Extremsituation: Die Kioskbesitzerin mit Stadtlärm-Phobie, der Bühnenbildner, dessen Arbeit niemals gesehen wurde, die flüchtige Muslima, die unglücklich verliebte und verlassene Domina, die ausgebrannte Lehrerin, der überschuldete Verleger. Im Kaleidoskop der einzelnen Blickwinkel auf die Welt, auf unsere Welt im wirtschaftlich und intellektuell erschlaffenden Deutschland breitet uns Pleschinski seine Sicht auf die Dinge aus: Mal spricht er uns mit seinen Beobachtungen aus dem Herzen, mal ergeht er sich im manierierten Ton eines Snobs, in beiden Tonlagen bleibt er amüsant, und obwohl sich ihm oft die Gelegenheit dazu böte, ist er kaum boshaft; vielmehr beseelt ihn eine gewisse, wenn auch gelegentlich ironisch gebrochene, liebevolle Anteilnahme am Schicksal seiner Figuren.
Wie ist einem Autor so zwischen Entsetzen und Groteske?
Ein Gesellschaftsroman? Ein München-Roman? Ein zeitkritischer Roman der deutschen Wohlstandsgesellschaft aus der Epoche von Harz IV? Was hat ihn mehr gereizt: Die mögliche Situationskomik seiner Versuchsanordnung oder die Zeitkritik? Von der Anlage her könnte es der Versuch eines Remake von Thomas Manns Epochenroman „Der Zauberberg“ sein, aber Hans Pleschinski verwahrt sich dagegen: „Kein Schriftsteller wird so doof sein, den Zauberberg imitieren zu wollen.“ Ein bisschen von all dem ist Hans Pleschinskis Roman „Ludwigshöhe“ auf jeden Fall, was ihn aber auszeichnet, ist sein Tonfall, der Sinn für morbide Komik und charmante Aperçus.
Ist „Ludwigshöhe“ also ein Gesellschaftsroman, oder ein München-Roman?
Halbschatten
Mit seinem neuen Roman „Halbschatten“ zieht Uwe Timm eine historische Person, Marga von Etzdorf, eine frühe Pilotin, aus der Vergessenheit. Sie war höchst erfolgreich in dieser Männerdomäne und fand dennoch ein tragisches Ende. Mit einem Chor unterschiedlicher Stimmen schafft er einen literarischen Raum für eine eigenwillige, temperamentvolle und vor der Zeit emanzipierte Frau, und bewirkt eine beabsichtigte Ungenauigkeit des Tableaus. Warum diese Verfremdungen? Oder steht dahinter die Absicht zu vermeiden, dass das Buch als historischer Roman gelesen wird?
Warum diese Verfremdungen?
Steht hinter der Verfremdung die Absicht zu vermeiden, dass das Buch als historischer Roman gelesen wird?
Unter freiem Himmel, 2007
Kurz vor dem Gewitter, 2003
Wettervorhersage, 1998
Neben seiner Verleger-Tätigkeit hat Michael Krüger über die Jahre eine ansehnliche Menge von Romanen, Gedichten, Essays und Übersetzungen veröffentlicht. Die Essays handeln überwiegend von Themen des Kulturbetriebs, die Romane spiegeln meistens das Leben europäischer Intellektueller – immer mit einem warmherzig ironischen Unterton, immer mit einer sympathisierenden Distanznahme gegenüber künstlerischen und schöpferischen Roman-Figuren, deren Tragikomik oft darin besteht, dass ihre Werke und Ansprüche konterkariert werden von den einfachen Dingen aus Umwelt und Alltag.
Michael Krüger liest das Gedicht >Die Schlüssel< aus >Wettervorhersage<
Bei Michael Krügers Gedichten finden sich ebenfalls Bezugnahmen zum Kulturbetrieb, und sei es durch explizite Widmungen. Daneben aber schreibt er Gedichte, deren Poesie, deren einfache Schönheit uns viel mehr geben als die Aperçus aus der Welt der Kulturschaffenden. Seien es die Vögel am Himmel oder die unnütz gewordenen Schlüssel, ein eigenartiges Insekt oder ein mindestens genauso eigenartiger Mitreisender – wir werden eingeladen zu schauen, ein bisschen Kontemplation zu betreiben, um uns dann wieder vom Alltag weiter treiben zu lassen. Die Beobachtung von Naturphänomenen verdeutlicht uns, dass der Mensch eben doch nicht alles in die Hand nehmen kann. Ist die Ahnung des Gewitters nur eine Wahrnehmung, legt der Dichter auch noch eine Bedeutung hinein, oder ist es bloß die toile de fond für ein Naturbild?
Welche Bedeutung hat denn das Wetter für Michael Krügers Gedichte?
Der Franzose Francis Ponge hat schon vor Langem den „Parti pris des choses“, die Auffassung der Dinge, in Poemen verewigt, die auch dem unscheinbarsten Gegenstand eine eigene Aura verleihen und dem kleinsten Ding noch ein großes Geheimnis zuordnen. Bei Michael Krüger gibt es Kiesel, die „das Epos der Straße“ kennen, Schlüssel, die von Türen träumen. Ist das ein Animismus oder Fetischismus, wie ihn Anthropologen kennen, oder ein althergebrachter Pantheismus, der in den Sachen eine Seele und damit einen Funken Göttlichkeit sieht?
Krüger treibt es sogar noch weiter: In manchen der Gedichte führen die mündlich überlieferten Geschichten ein unerklärt materielles Leben, da ist ein Fliegenfänger mit tausend toten Geschichten, oder zwei Küchenstühle, die zuhören – das klingt wie eine Auffassung aus jenem Reich, wo geglaubt wird, dass der Fotograf mit dem Bild auch die Seele des Fotografierten mit sich nähme.



